Die Circular Economy ist in Deutschland angekommen. Neue Regulierungen, innovative Geschäftsmodelle und digitale Technologien treiben die Entwicklung zügig voran. Gleichzeitig steigt der absolute Verbrauch an Rohstoffen weiter. Es gibt also mehr zirkuläre Lösungen, aber noch keinen ausreichenden systemischen Wandel. Denn wenn wir nur messen, wie viele Materialien zirkulieren, wie effizient Prozesse werden oder wie schnell Geschäftsmodelle wachsen, übersehen wir eine entscheidende Frage: Welche Wirkung entsteht dadurch eigentlich für Mensch, Gesellschaft und Umwelt?
Julia Gschwendner, Yunus Environment Hub, Strategy & CirculaRise Accelerator Lead
Genau hier setzt der neue Report von Yunus Environment Hub (YEH) mit dem Titel „Trends in der Circular Economy – und wie gemeinwohlorientierte Unternehmen den Kreis schließen“ an. Er zeigt, dass die Circular Economy zwar deutlich an wirtschaftlicher und politischer Relevanz gewonnen hat, zentrale Fragen aber weiterhin unterbelichtet bleiben.
Von der Effizienz zur Transformation
Fünf Trends prägen derzeit die Circular Economy Debatte: der Wandel von der Verwertungs- zur Wertschöpfungslogik, das Narrativ der Resilienz, neue Regulierung, der Einsatz von KI und die Frage der Skalierung.
Sie alle sind wichtig. Doch sie betrachten Circular Economy häufig vor allem als Effizienzproblem: bessere Produkte, optimierte Prozesse und robustere Lieferketten sollen die Transformation voranbringen. Das reicht nicht aus.
Der Report identifiziert drei blinde Flecken: die soziale Dimension, Regeneration und den absoluten Ressourcenverbrauch. Entscheidend ist nicht nur, ob Materialien im Kreislauf bleiben, sondern auch, wer von der Transformation profitiert und welche gesellschaftliche Veränderung daraus entsteht.
Skalierung ist kein Selbstzweck
Besonders deutlich wird das beim Thema Skalierung. Viele zirkuläre Geschäftsmodelle folgen weiterhin klassischen Marktlogiken: Leicht standardisierbare und kurzfristig tragfähige Modelle haben bessere Voraussetzungen. Reparatur, Wiederverwendung oder lokal verankerte Lösungen sind dagegen häufig komplexer und schwerer zu skalieren, obwohl sie oft besonders transformative Wirkung entfalten.
Ein Beispiel aus dem Report ist VYLD: Das Unternehmen entwickelt ressourcenschonende Periodenprodukte aus Meeresalgen und baut dafür eine neue europäische Wertschöpfungskette auf. Statt bestehende Hersteller vom Markt verdrängen zu wollen, verfolgt VYLD langfristig das Ziel, die eigene Technologie an etablierte Industrieakteure zu lizenzieren. Skalierung bedeutet hier also nicht primär, selbst möglichst groß zu werden, sondern die eigene Lösung in bestehende Strukturen zu bringen und dadurch systemische Veränderung zu ermöglichen.
Ein weiteres Beispiel ist The Generation Forest: Das Unternehmen finanziert Aufforstungsprojekte in Panama und arbeitet dabei von Beginn an mit der lokalen Bevölkerung. So entstand unter anderem eine von indigenen Frauen geführte Baumschule, die Setzlinge für die eigenen Aufforstungsprojekte liefert. Dadurch entstehen nicht nur ökologische Wirkung und neue Wertschöpfung, sondern auch Arbeitsplätze, Einkommen und lokale Kompetenzen.
Beide Beispiele zeigen, dass systemische Wirkung nicht allein dadurch entsteht, dass ein Unternehmen selbst wächst. Sie kann auch entstehen, indem Lösungen verbreitet, bestehende Strukturen verändert oder neue lokale Kapazitäten aufgebaut werden.
Deshalb sollten wir nicht nur fragen, wie Geschäftsmodelle skaliert werden können, sondern: Wie kann die gesellschaftliche Veränderung skaliert werden, die erreicht werden soll?
Wirkung muss in die Wachstumslogik
Hier liegt eine direkte Verbindung zum IMMPACT Guide: Wirkungsorientierung sollte nicht erst am Ende eines Projekts beginnen. Sie sollte bereits Entscheidungen über Wachstum, Partnerschaften und Geschäftsmodelle beeinflussen.
Für Circular-Economy-Unternehmen bedeutet das, nicht nur Verkaufszahlen oder Reichweite zu betrachten, sondern auch Fragen wie: Verändert sich Verhalten? Entsteht Zugang? Werden Menschen erreicht, die bisher ausgeschlossen waren? Verändert sich eine Wertschöpfungskette?
Der IMMPACT Guide bietet einen praktischen Rahmen, um solche Wirkungsannahmen sichtbar zu machen und Wirkung systematisch in die unternehmerische Praxis zu integrieren.
Und wer finanziert die Transformation?
Wenn wir Skalierung anders denken, müssen wir auch Finanzierung anders denken.
Viele transformative Geschäftsmodelle brauchen Zeit: Sie bauen neue Lieferketten auf, verändern Verhalten oder schaffen lokale Ökosysteme. Gleichzeitig bevorzugen klassische Finanzierungslogiken häufig schnelle Skalierung und kurzfristige Rendite.
Daraus entsteht ein Widerspruch: Wir erwarten systemische Wirkung, finanzieren aber oft mit Zeithorizonten, die systemische Veränderung kaum zulassen.
Deshalb braucht es mehr geduldiges Kapital und Finanzierungsinstrumente, die soziale und ökologische Wirkung neben finanzieller Rendite berücksichtigen.
Den gesellschaftlichen Kreis schließen
Die Circular Economy macht Fortschritte. Doch wenn sie tatsächlich ein Transformationsprojekt sein soll, müssen wir den Blick über Materialflüsse und Effizienz hinaus erweitern. Die zentrale Frage lautet nicht mehr nur, wie wir Kreisläufe schließen, sondern auch für wen und mit welcher Wirkung.
Gemeinwohlorientierte Unternehmen zeigen bereits heute, wie das funktionieren kann. Sie verbinden zirkuläre Geschäftsmodelle mit Teilhabe, Kooperation und langfristiger Wirkung. Für die nächste Phase der Circular Economy brauchen wir deshalb nicht weniger Skalierung, sondern wirkungsorientierte Skalierung. Nicht weniger Finanzierung, sondern Finanzierung, die Zeit für Transformation mitbringt.
Denn am Ende reicht es nicht, den materiellen Kreis zu schließen. Wir müssen auch den gesellschaftlichen Kreis schließen.