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Patrick Mijnals: „Für mich ist Wir­kung weni­ger eine Metho­de als ein Mind­set“

Ein Gespräch mit Patrick Mijnals über Vor­tei­le, Hür­den und kri­ti­sche Aspek­te von Wir­kungs­mes­sung und Wir­kungs­ma­nage­ment. Und über ein Sys­tem, in dem Impact die neue Wäh­rung sein könn­te.


Patrick Mijnals, Grün­dungs­be­ra­ter, Inno­va­ti­ons­ma­na­ger, Grün­der & Gesell­schaf­ter, Spea­k­er, Autor und Con­sul­tant

Dass Impact Mea­su­re­ment und Manage­ment (IMM) im Öko­sys­tem immer wich­ti­ger wer­den, liegt nicht nur an den stei­gen­den Anfor­de­run­gen von Fördermittelgeber*innen. Auch in ande­ren Orga­ni­sa­tio­nen und aus ande­ren Grün­den wächst das Bewusst­sein für ihre Bedeu­tung. Das beob­ach­tet auch Patrick Mijnals, Grün­der von bet­ter­ve­st, Grün­dungs­be­ra­ter beim Social Entre­pre­neur­ship Net­work Deutsch­land und Inno­va­ti­ons­ma­na­ger bei der Vil­la Grün­der­geist.

Vie­le Start­ups und Orga­ni­sa­tio­nen ver­fü­gen zwar noch nicht über die pas­sen­den Werk­zeu­ge oder die gemein­sa­me Spra­che dafür, doch das Mind­set ist aus sei­ner Sicht bereits da. Mit IMMPACT hat Patrick über typi­sche Hür­den im IMM, kri­ti­sche Aspek­te und dar­über gespro­chen, wel­chen Bei­trag der IMMPACT Gui­de leis­ten kann.

Hal­lo Patrick, vor wel­chen Hür­den ste­hen Gründer*innen häu­fig bei Wir­kungs­mes­sung- und manage­ment?

Ein typi­sches Pro­blem, das sich durch fast alle Fra­ge­stel­lun­gen zieht, sind knap­pe oder feh­len­de Res­sour­cen, um Wir­kungs­mes­sung und ‑manage­ment im All­tag wirk­lich umzu­set­zen. Selbst für Soft­ware­lö­sun­gen muss man erst mal Zeit und Geld frei­schau­feln. Und wie so oft ist es der ers­te Schritt, der am meis­ten Über­win­dung kos­tet.

Vie­le Orga­ni­sa­tio­nen blei­ben dann gern in dem Pro­zess ste­cken, weil sie einen Weg gefun­den haben, der gut funk­tio­niert. Gleich­zei­tig ist es genau­so wich­tig, den Sta­tus quo immer wie­der zu hin­ter­fra­gen – weil sich sowohl die Orga­ni­sa­ti­on als auch die Ziel­grup­pen wei­ter­ent­wi­ckeln.

Gibt es aus dei­ner Sicht auch kri­ti­sche Punk­te an Wir­kungs­ma­nage­ment und an der gan­zen Ent­wick­lung dort­hin?

Dem Den­ken in Wir­kung liegt eine bestimm­te Phi­lo­so­phie zugrun­de, die man auch als neo­li­be­ral inter­pre­tie­ren kann. Das stößt vie­le ab – gera­de Men­schen, die ihr Pro­jekt sehr herz­ge­trie­ben umset­zen. Für mich ist Wir­kung weni­ger eine Metho­de als ein Mind­set. In die­sem Mind­set gibt es einen schma­len Grat: Einer­seits ergibt es total Sinn, so zu den­ken, um wirk­lich das Bes­te raus­zu­ho­len. Ande­rer­seits braucht es auch Raum dafür, „Fün­fe gera­de sein zu las­sen“ – also Zufäl­le zuzu­las­sen oder auf die emo­tio­na­le Ebe­ne zu set­zen. Das kann auf eine ande­re Art wir­ken, die man mit Wir­kungs­ma­nage­ment oft nicht rich­tig abge­bil­det bekommt.

Außer­dem: Wenn man in einer Orga­ni­sa­ti­on, in der vor­her nicht in Wir­kung gedacht wur­de, plötz­lich Wir­kungs­ma­nage­ment ein­führt, kommt häu­fig sofort der Reflex: „Ah! Die wol­len jetzt über­prü­fen, was ich hier mache und wie gut ich das mache.“ Das wird schnell nega­tiv gele­sen und löst ganz kon­kre­te Sor­gen aus: „Wird mein Bud­get gestri­chen? Wird mein Arbeits­platz ein­ge­spart?“ Auch hier sehe ich eine rea­le Gefahr, Men­schen zu ver­lie­ren, ins­be­son­de­re wenn man zu stark vor­gibt, wie gedacht und gesteu­ert wer­den soll.

Außer­dem soll­ten wir uns fra­gen, wohin es führt, wenn wir über­all „mehr Wir­kung“ ein­for­dern und Mit­tel viel kon­se­quen­ter wir­kungs­ori­en­tiert ver­ge­ben. Wer hat dann über­haupt noch Zugang zu För­de­rung? Da lan­det man schnell bei denen, die es sich leis­ten kön­nen – vor allem finan­zi­ell. Wenn nach­weis­ba­re Wir­kung zur Vor­aus­set­zung für För­de­rung oder deren Fort­set­zung wird, ver­schiebt sich För­der­pra­xis sys­te­ma­tisch zuguns­ten von Pro­jek­ten pri­vi­le­gier­ter Orga­ni­sa­tio­nen, deren Wir­kung leicht, schnell und res­sour­cen­scho­nend mess­bar ist.

Und man braucht für Wir­kungs­ma­nage­ment Kapa­zi­tät und Ruhe im Kopf. Wenn Men­schen aus mar­gi­na­li­sier­ten Ziel­grup­pen ohne­hin schon mit­ten im Pro­jekt­all­tag ste­hen und dann zusätz­lich noch Wir­kungs­ma­nage­ment ein­füh­ren sol­len, nur weil der För­der­mit­tel­ge­ber das ver­langt, wirkt das schnell abschre­ckend – und kann sogar dazu füh­ren, dass man­che sich erst gar nicht betei­li­gen.

Selbst wenn ansons­ten alles gut läuft, bleibt die Fra­ge: Was kann man eigent­lich wirk­lich mes­sen? Man rutscht dabei schnell in eine Pseu­do­ge­nau­ig­keit: Man misst etwas und hat das Gefühl, es sau­ber zu erfas­sen, tut es aber in Wirk­lich­keit nicht. Oder man misst etwas ande­res, ein­fach damit am Ende über­haupt etwas vor­zeig­bar ist. Dann ist man sofort bei grund­sätz­li­chen Fra­gen: Was ist über­haupt veri­fi­zier­bar, und was nicht? Und ab wann kann man wirk­lich Aus­sa­gen über Zusam­men­hän­ge oder ein­zel­ne Varia­blen tref­fen? Mei­ne Wahr­neh­mung ist: In vie­len Fäl­len weiß man am Ende gar nicht, was die beob­ach­te­te Wir­kung tat­säch­lich aus­ge­löst hat.

Ich bin grund­sätz­lich ein gro­ßer Fan von Wir­kungs­ma­nage­ment und Wir­kungs­mes­sung. Gleich­zei­tig sehe ich ech­te Risi­ken, wenn man das kon­se­quent zu Ende denkt und sich vor­stellt, wie För­der­land­schaft, Orga­ni­sa­tio­nen und Gründer*innen in zehn oder 20 Jah­ren damit umge­hen wer­den. Es wird Neben­wir­kun­gen geben, die heu­te viel­leicht noch nicht so sicht­bar sind, die wir aber jetzt schon mit­den­ken soll­ten.

Wie kann der IMMPACT Gui­de die­sen Gefah­ren ent­ge­gen­wir­ken?

Ich glau­be, in der Sze­ne geht es erst mal fast immer um die Vor­tei­le: wel­che Mög­lich­kei­ten Wir­kungs­ma­nage­ment und ‑mes­sung eröff­nen und wel­che Ori­en­tie­rung sie geben. Umso wich­ti­ger ist es, genau­so trans­pa­rent über mög­li­che Nach­tei­le und Schat­ten­sei­ten zu spre­chen und zu zei­gen, wie man damit umgeht. Wenn man das bei der Imple­men­tie­rung von Anfang an mit­denkt und die Leu­te dort abholt, schafft das Ver­trau­en und nimmt vie­le Sor­gen.

Der IMMPACT Gui­de kann aus mei­ner Sicht einen gro­ßen Mehr­wert lie­fern, weil er die Wir­kungs-Jour­ney gut abbil­det. Und durch die bekann­ten Namen der vier Orga­ni­sa­tio­nen kann IMMPACT Brü­cken bau­en, gera­de zu Orga­ni­sa­tio­nen, die nicht aus dem typi­schen Start­up- oder zivil­ge­sell­schaft­li­chen Kon­text kom­men.

Wor­in siehst du die Rol­le der IMMPACT-Pro­jekt­part­ner in der Dis­kus­si­on rund um Wir­kung?

Ich sehe die Pro­jekt­part­ner als wich­ti­ge Tür­öff­ner in ganz unter­schied­li­che Berei­che. Sie brin­gen das nöti­ge Hin­ter­grund­wis­sen mit. Mei­ne Ide­al­vor­stel­lung ist, dass aus sol­chen Koope­ra­tio­nen loka­le Netz­wer­ke bzw. Com­mu­ni­ties of Prac­ti­ce ent­ste­hen: Grup­pen, die im Aus­tausch blei­ben, sich kon­kre­te Pra­xis­bei­spie­le anschau­en und dar­aus gemein­sam ler­nen. Für mich schreit der IMMPACT-Ansatz gera­de­zu nach dem Peer-to-Peer-Ansatz, also nach einem mehr oder weni­ger selbst orga­ni­sier­ten Aus­tausch unter Gleich­ge­sinn­ten.

Was könn­te sich durch die­sen Aus­tausch und durch sys­te­ma­ti­sche­re Wir­kungs­mes­sung und ‑kom­mu­ni­ka­ti­on ver­än­dern?

Ich habe bei der IMMPACT Road­show in Frank­furt die stei­le The­se auf­ge­stellt, dass wir Wir­kung als eine neue Wäh­rung den­ken könn­ten – ange­sichts der aktu­el­len wirt­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen und der immer schnel­ler wach­sen­den sozia­len und öko­lo­gi­schen Hür­den. Wenn man das aktu­el­le Sys­tem, also die klas­si­sche Öko­no­mie, und die zu erwar­ten­den Umbrü­che durch KI etwas uto­pisch zu Ende denkt, dann ist irgend­wann alles hyper­ska­liert und hyper­au­to­ma­ti­siert. Und im Extrem­fall kos­tet fast alles kaum noch etwas.

Dann steigt der Wert von ande­ren Din­gen: Genau das könn­te Wir­kung sein. In die­ser Logik wür­de Wir­kung zu einem Wäh­rungs­tool, das Akti­vi­tä­ten in Zie­le über­setzt. So wäre der Pro­zess für mich zu Ende gedacht. Und wenn vie­le Teams die­se Wäh­rung tat­säch­lich nut­zen, könn­te sie für Orga­ni­sa­tio­nen und für die Gesell­schaft eine rele­van­te Rol­le spie­len. Sowohl auf indi­vi­du­el­ler Ebe­ne als auch auf Lan­des­ebe­ne oder sogar glo­bal betrach­tet. Das knüpft für mich an Debat­ten rund um Alter­na­ti­ven zum Brut­to­in­lands­pro­dukt und ähn­li­che Ansät­ze an.

Dann müss­ten wir nur dahin kom­men, dass wir Unge­nau­ig­kei­ten oder Bia­ses aus­glei­chen oder kon­trol­lier­bar machen, wie wir es eben bei Wäh­run­gen und deren Unter­stüt­zungs­net­zen auch machen.

Es bräuch­te dann etwas, das einer Zen­tral­bank ähnelt und die­se Wäh­rung steu­ert, oder zumin­dest eine unab­hän­gi­ge Prüf­or­ga­ni­sa­ti­on. Es wäre dann nicht mehr allein Auf­ga­be der ein­zel­nen Orga­ni­sa­tio­nen. Statt­des­sen wür­de man ver­su­chen, veri­fi­zier­ba­re, neu­tra­le Ergeb­nis­se in bestimm­ten, eher brei­te­ren, Sek­to­ren mess­bar zu machen. Man­che Nach­tei­le könn­te man dadurch ver­mut­lich abfe­dern, ande­re aber eben nicht. Denn am Ende ist es weni­ger eine Fra­ge der Metho­de, son­dern eine Grund­satz­fra­ge, wie man auf die Welt blickt.

Zurück zum IMMPACT Gui­de: Wem emp­fiehlst du das Tool?

Erst ein­mal allen, die nicht nur rein öko­no­mi­sche Zie­le ver­fol­gen. Der IMMPACT Gui­de ist ja ein neu­tra­les Tool, das grund­sätz­lich in ver­schie­de­ne Rich­tun­gen anwend­bar ist. Es geht dabei immer dar­um, sich ein Stück weit vom rein öko­no­mi­schen Den­ken zu lösen und ande­re Metri­ken ein­zu­füh­ren, um eine Unter­neh­mung plau­si­bel zu machen, zu ana­ly­sie­ren und zu ver­bes­sern.

Aktu­ell ist der IMMPACT Gui­de noch stark auf Start­ups und grün­dungs­ori­en­tier­te Orga­ni­sa­tio­nen aus­ge­rich­tet, aber die Ele­men­te für spä­te­re Rei­fe­pha­sen sind ja schon ent­hal­ten. Wenn man das wei­ter­denkt, kann er per­spek­ti­visch auch für eta­blier­te und sehr gro­ße Orga­ni­sa­tio­nen sinn­voll nutz­bar wer­den.

Für die Umset­zung eig­nen sich zum Bei­spiel OKRs (Objec­ti­ves and Key Results): Sie bie­ten ein kla­res Frame­work und einen fes­ten Zyklus mit Work­shops und Sys­te­ma­ti­ken, in dem man immer wie­der zurück­kommt zu den Kern­fra­gen: Was will ich errei­chen? Und wie errei­che ich es? Die­se bei­den Wel­ten – Wir­kung und OKR-Logik – noch näher zusam­men­zu­brin­gen, dar­in steckt für mich viel Poten­zi­al.

Vie­len Dank für das Gespräch, lie­ber Patrick.