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Von der Wir­kungs­pra­xis zur Offen­le­gung: Die TISFD und der IMMPACT Gui­de 

Jonas Fathy erklärt im Inter­view, wel­che Rol­le die TISFD für das Impact-Öko­sys­tem in Deutsch­land spielt, war­um trag­fä­hi­ge Wir­kungs­pra­xis der Offen­le­gung vor­aus­ge­hen soll­te und wie der IMMPACT Gui­de dabei hilft, sozia­le Wir­kung stra­te­gisch zu klä­ren und steue­rungs­re­le­vant zu machen. 


Jonas Fathy, Lei­tung Phil­an­thro­pie & Non-Pro­fits bei PHI­NEO 

In Kür­ze ver­öf­fent­licht die Taskforce on Ine­qua­li­ty and Social rela­ted Finan­cial Dis­clo­sures (TISFD) ein glo­ba­les Rah­men­werk, mit dem Unter­neh­men und Investor*innen sozia­le Ungleich­hei­ten, Risi­ken und Wir­kun­gen sys­te­ma­tisch erfas­sen und trans­pa­rent offen­le­gen kön­nen. 

Hal­lo Jonas, wofür steht TISFD – und war­um ist es gera­de jetzt rele­vant? 

Jonas Fathy: TISFD steht für Taskforce on Ine­qua­li­ty and Social rela­ted Finan­cial Dis­clo­sures, auf Deutsch Arbeits­grup­pe zu Ungleich­heit und sozi­al­be­zo­ge­ne finan­zi­el­le Anga­ben. Die­se von der UN initi­ier­te Taskforce ent­wi­ckelt ein glo­ba­les, zunächst frei­wil­li­ges Rah­men­werk für Unter­neh­men, Finanz­in­sti­tu­tio­nen und Investor*innen zur Bericht­erstat­tung in Bezug auf deren Ver­bin­dun­gen zu Ungleich­heit und ande­ren sozia­len Fra­gen. For­mal spricht es vor allem gro­ße Markt­ak­teu­re an, fak­tisch aber auch ihre Betei­li­gun­gen und Lie­fer­ket­ten. 

Das Frame­work ist aktu­ell beson­ders rele­vant, weil sozia­le Fra­gen damit deut­lich an Gewicht gewin­nen. Ungleich­heit, Arbeits­be­din­gun­gen oder Zugang zu Grund­ver­sor­gung beein­flus­sen Wert­schöp­fung, Resi­li­enz und Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dun­gen unmit­tel­bar. Sozia­le Wir­kung wird damit zur steue­rungs­re­le­van­ten Grö­ße – nicht erst im Report­ing, son­dern in Gover­nan­ce, Stra­te­gie und Risi­ko­ma­nage­ment. 

Wich­tig ist, den Ein­fluss der TISFD nicht zu unter­schät­zen, nur weil sie ein frei­wil­li­ges Rah­men­werk ist. Sie ist anschluss­fä­hig an inter­na­tio­na­le Berichts­stan­dards sowie per­spek­ti­visch an die euro­päi­sche Nach­hal­tig­keits­be­richt­erstat­tung. Sie kon­sul­tiert welt­weit und ent­wi­ckelt ihr Frame­work mit Bei­trä­gen zahl­rei­cher Akteu­re aus Wirt­schaft, Poli­tik und Zivil­ge­sell­schaft – auch PHI­NEO ist Teil der TISFD Alli­ance. 

Vor allem aber steht sie in einer Tra­di­ti­on: Sie folgt der TCFD und TNFD, die sich mit Kli­ma- respek­ti­ve Natur­fra­gen beschäf­tigt haben, und deren Rah­men­wer­ke maß­geb­lich in recht­lich bin­den­de Vor­ga­ben wie die euro­päi­sche CSRD (Cor­po­ra­te Sus­taina­bi­li­ty Report­ing Direc­ti­ve) ein­ge­flos­sen sind. Das heißt, was hier zunächst als frei­wil­li­ges Rah­men­werk ent­wi­ckelt wird, wird höchst­wahr­schein­lich auch Ein­fluss auf die ver­pflich­ten­den Maß­nah­men der Zukunft haben. 

War­um ist TISFD auch für Start­ups inter­es­sant? 

Jonas Fathy: Die TISFD adres­siert for­mal vor allem grö­ße­re Markt­ak­teu­re, doch die Aus­ein­an­der­set­zung damit lohnt sich auch für Start­ups. Denn das Frame­work stellt eine zen­tra­le Fra­ge: Wel­che sozia­len Risi­ken und Chan­cen sind für das eige­ne Geschäfts­mo­dell wirk­lich wesent­lich? Wer die­se Fra­ge früh beant­wor­tet, trifft bes­se­re stra­te­gi­sche Ent­schei­dun­gen, kann Wir­kung geziel­ter steu­ern und ver­mei­det spä­te­re Kor­rek­tu­ren.  
 
Für Investor*innen gilt Ähn­li­ches: Je kla­rer sozia­le Wir­kungs­an­nah­men und poten­zi­el­le Risi­ken benannt sind, des­to fun­dier­ter las­sen sich Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dun­gen tref­fen und Port­fo­li­os lang­fris­tig resi­li­ent auf­stel­len. 

Was hat die TISFD mit dem IMMPACT Gui­de zu tun? Wor­in unter­schei­den sich die Ansät­ze und wo ergän­zen sie sich? 

Jonas Fathy: Die TISFD und der IMMPACT Gui­de ver­fol­gen unter­schied­li­che, aber kom­ple­men­tä­re Logi­ken. Die TISFD ent­wi­ckelt einen Offen­le­gungs­rah­men und fragt danach, wie Unter­neh­mun­gen mit sozi­al rele­van­ten Risi­ken, Chan­cen und Wir­kun­gen umge­hen und dar­über berich­ten.  
 
Der IMMPACT Gui­de setzt frü­her an: Er unter­stützt Unter­neh­mun­gen dabei, Wir­kung bewusst zu pla­nen, Annah­men expli­zit zu machen und Lern­pro­zes­se zu eta­blie­ren. Wäh­rend TISFD Trans­pa­renz nach außen struk­tu­riert, stärkt der IMMPACT Gui­de die Wir­kungs­fä­hig­keit von innen.  
 
Genau dar­in liegt die Ergän­zung: Ohne geleb­te Wir­kungs­pra­xis bleibt Offen­le­gung for­mal, ohne stra­te­gi­sche Ein­ord­nung bleibt Wir­kung unsicht­bar. 

Der IMMPACT Gui­de hilft dabei, alle Aspek­te des Impact Mea­su­re­ment & Manage­ment zu defi­nie­ren und zu ver­bin­den: ob ein Impact erzielt wird, was die­ser Impact kon­kret umfasst und wie die­ser gemes­sen und gesteu­ert wird.

 

Siehst du Span­nun­gen zwi­schen exter­nen Berichts­an­for­de­run­gen und ech­ter Wir­kungs­pra­xis? 

Jonas Fathy: Span­nun­gen ent­ste­hen dort, wo Report­ing zum Selbst­zweck wird. Wenn Orga­ni­sa­tio­nen begin­nen, das zu mes­sen, was abge­fragt wird, statt das, was für Ziel­grup­pen und Ent­schei­dun­gen rele­vant ist, ver­liert Wir­kung ihre Ori­en­tie­rung.  

Das ist jedoch kein zwangs­läu­fi­ger Wider­spruch. Die TISFD kann ech­te Wir­kungs­pra­xis auch stär­ken – vor­aus­ge­setzt, Wir­kung wird als Lern– und Steue­rungs­pro­zess ver­stan­den und nicht als nach­träg­li­che Recht­fer­ti­gung. Dann wird Report­ing zum Spie­gel stra­te­gi­scher Klar­heit statt zu einer zusätz­li­chen Last. Im Kon­sul­ta­ti­ons­pro­zess der TISFD Alli­ance sehen wir den Anspruch, die­se Eigen­schaft in den Fokus zu neh­men. 

Inwie­fern ist der IMMPACT Gui­de anschluss­fä­hig an die TISFD? 

Jonas Fathy: Der IMMPACT Gui­de lie­fert die Grund­la­ge für eine sinn­vol­le TISFD-Umset­zung. Er hilft, Wir­kungs­zie­le zu klä­ren, Ziel­grup­pen zu ver­ste­hen und Wir­kungs­lo­gi­ken ent­lang von Out­put, Out­co­me und Impact nach­voll­zieh­bar zu machen. Ohne die­se inhalt­li­che Vor­ar­beit bleibt jede Offen­le­gung abs­trakt. Mit ihr las­sen sich sozia­le The­men sys­te­ma­tisch ein­ord­nen und in Gover­nan­ce, Stra­te­gie und Risi­ko­ma­nage­ment inte­grie­ren. 

Der IMMPACT Gui­de for­dert dazu auf, posi­ti­ve wie nega­ti­ve Effek­te stra­te­gisch mit­zu­den­ken, Annah­men offen zu legen und die Per­spek­ti­ven der Ziel­grup­pen ein­zu­be­zie­hen. Genau die­se Ele­men­te sind es, wel­che die TISFD unter den Dimen­sio­nen Stra­te­gie, Risi­ko­ma­nage­ment und Metri­ken ein­for­dert. 

Kann man sagen: Wer mit dem IMMPACT Gui­de arbei­tet, ist auto­ma­tisch bes­ser auf die TISFD vor­be­rei­tet? Wo lie­gen die Gren­zen die­ser Aus­sa­ge? 

Jonas Fathy: Wer den IMMPACT Gui­de kon­se­quent anwen­det, ist deut­lich bes­ser vor­be­rei­tet – aber nicht auto­ma­tisch „fer­tig“. Er ist kein Offen­le­gungs-Frame­work oder eine for­ma­le Wesent­lich­keits­ana­ly­se; viel­mehr ist er eine Road­map, um jene inhalt­li­che Klar­heit zu schaf­fen, die nötig ist, um die TISFD sinn­voll umzu­set­zen.  
 
Die Gren­ze liegt dort, wo regu­la­to­ri­sche Detail­an­for­de­run­gen und Ver­gleich­bar­keit zwi­schen Orga­ni­sa­tio­nen gefragt sind. Die Stär­ke des IMMPACT Gui­de liegt im stra­te­gi­schen Fun­da­ment des ein­zel­nen Unter­neh­mens. 

Wel­che Rele­vanz hat TISFD für Impact Investor*innen – und wel­che Rol­le spielt dabei der IMMPACT Gui­de? 

Jonas Fathy: Für Investor*innen ist die TISFD inter­es­sant, weil sozia­le Risi­ken zuneh­mend finan­zi­el­le Risi­ken sind. Unge­nü­gend adres­sier­te sozia­le The­men kön­nen Geschäfts­mo­del­le, Märk­te und gan­ze Port­fo­li­os desta­bi­li­sie­ren. Dane­ben ist es wahr­schein­lich, dass die ent­wi­ckel­ten Berichts­stan­dards Teil ver­pflich­ten­der For­ma­te wer­den. 
 
Wenn Betei­li­gun­gen früh­zei­tig mit dem IMMPACT Gui­de arbei­ten, wer­den Wir­kungs­an­nah­men trans­pa­ren­ter, Risi­ken frü­her sicht­bar und Gesprä­che über Wir­kung sub­stan­zi­el­ler. Das stärkt nicht nur die Wir­kung, son­dern auch die Inves­ti­ti­ons­qua­li­tät. 

War­um lohnt es sich für Impact-Start­ups, heu­te mit dem IMMPACT Gui­de zu star­ten – selbst, wenn die TISFD für sie nicht ver­pflich­tend ist? 

Jonas Fathy: Weil Wir­kung kein Report­ing-Pro­jekt ist, son­dern Aus­druck von Hal­tung und Stra­te­gie. Der IMMPACT Gui­de hilft, das eige­ne Tun mit dem eige­nen Anspruch zu ver­bin­den und Wir­kung als Lern­pro­zess zu ver­ste­hen.  
 
Wer heu­te damit beginnt, baut Glaub­wür­dig­keit, Klar­heit und Ent­schei­dungs­fä­hig­keit auf – unab­hän­gig davon, ob und wann Offen­le­gungs­pflich­ten grei­fen – und ist dann, wenn sie grei­fen, auch effi­zi­ent dar­auf vor­be­rei­tet.  

Foto: © PHI­NEO / Jörg Farys