Warum die Abschätzung von Wirkungspotenzialen gerade für Startups und Impact-Investierende zentral ist und wie das digitale Analysewerkzeug zur Treibhausgasreduktion von Borderstep dabei hilft, Wirkungsannahmen systematisch, transparent und anschlussfähig weiterzuentwickeln.
Dr. Thomas Neumann, Senior Researcher Sustainable Entrepreneurship des Borderstep Instituts
Viele Startups wollen mit ihren Produkten und Dienstleistungen einen positiven Beitrag zu ökologischen oder gesellschaftlichen Herausforderungen leisten. Der IMMPACT Guide bietet dafür einen verbindlichen Referenzrahmen, welcher dabei hilft, Wirkungsziele zu klären, Wirkungslogiken zu strukturieren und Annahmen transparent zu machen. In der Unternehmenspraxis kommt dann irgendwann der Punkt, an dem Wirkung nachvollziehbar beschrieben, gemessen und, soweit möglich, quantifiziert werden muss. Genau das wird für Startups immer relevanter. Nicht nur intern, um die eigene Wirkung besser zu steuern, sondern auch extern, etwa für Gespräche mit Impact-Investierenden, Fördermittelgebenden und Kundschaft.
Die eigentliche Herausforderung liegt in der Umsetzung
Für Startups ist das leichter gesagt als getan, denn herkömmliche Nachhaltigkeitsbewertungen sind meist auf etablierte Unternehmen zugeschnitten. In frühen Unternehmensphasen fehlen hingegen oft historische Daten, ausgereifte Wertschöpfungsketten und die personellen Ressourcen für aufwendige Analysen. Zudem interessieren sich insbesondere Impact-Investierende bei Startups kaum für die bereits erzielte Wirkung, sondern vielmehr für das Wirkungspotenzial, das ein Startup in den kommenden Jahren entfalten kann.
Mit der Erforschung und Lösung dieser Herausforderung beschäftigen wir uns bei Borderstep seit über einem Jahrzehnt. Ein wichtiger Meilenstein war dabei 2020 die Entwicklung der DIN SPEC 90051–1 „Standard für die Nachhaltigkeitsbewertung von Startups“. Dieser damals noch stark qualitativ ausgerichtete Standard bildet seitdem eine wichtige Grundlage für die Entwicklung praxisorientierter Tools, die sich gezielt an Startups richten.
Vom Wirkungsanspruch zur Quantifizierung
Ein aktuelles Ergebnis dieser Arbeit ist der in Kooperation mit unserem Spin-Off ImpactNexus entwickelte GHG & Impact Estimator (Greenhouse Gases & Impact Estimator). Mit diesem kostenlosen und browserbasierten Tool können Startups ihre positiven Wirkungen hinsichtlich der Treibhausgasreduktion nicht nur identifizieren, sondern auch messbar machen. Anders als viele bestehende Ansätze zur Nachhaltigkeitsbewertung richtet sich der GHG & Impact Estimator nicht primär auf bereits eingetretene oder historische Wirkungen, sondern auf das Wirkungspotenzial eines Startups. Im Zentrum steht die Frage, welche Wirkung mit den Produkten und Dienstleistungen des Startups in den kommenden fünf Jahren voraussichtlich erzielt werden kann, wenn sich das Geschäftsmodell wie geplant entwickelt. Genau diese Abschätzung zukünftiger Wirkungen ist auch für Impact-Investierende zentral, um das Wirkungspotenzial ihrer Investments bewerten zu können.
Der Name lässt zunächst an ein reines Klimatool denken. Tatsächlich ist das Tool inzwischen deutlich breiter angelegt. Es eignet sich nicht nur für die Quantifizierung des Klimaschutzpotenzials, sondern grundsätzlich für die strukturierte Erfassung und Quantifizierung ganz unterschiedlicher ökonomischer, ökologischer und sozialer Wirkungen. Dafür können Unternehmen aus über 12.000 Wirkungszielen auswählen und diese an ihre eigene Logik anpassen. Die theoretische Grundlage bildet die Theory of Change, die tief in das Tool integriert ist. Dadurch ist der GHG & Impact Estimator auch direkt an die Vorarbeiten des IMMPACT Guide anschlussfähig.
Damit der GHG & Impact Estimator in der Praxis gut nutzbar ist, bietet das Tool verschiedene Vereinfachungen. Dazu gehören Vorlagen wie der „GHG-Schätzer“ für die grobe Bestimmung von Treibhausgaswirkungen, oder „Impact Carry“ für ein strukturiertes Wirkungsreporting im Einklang mit Anforderungen aus dem Impact-Investing-Kontext. Hinzu kommen ausführliche Beschreibungen, verständliche Leitfragen, KI-gestützter Support bei der Auswahl geeigneter Einheiten und Datenpunkte sowie die Anbindung an Life Cycle Assessment-Datenbanken.
Wie das Ergebnis aussehen kann, zeigt das Beispiel BetterSOL. Das 2022 gegründete Startup prüft und vertreibt gebrauchte Solarmodule und vermeidet so die energie- und rohstoffintensive Neuproduktion. Für jedes Kilowattpeak wiederverwendeter Module werden rund 800 Kilogramm CO2-Emissionen eingespart. Auf Basis des geplanten Unternehmenswachstums lässt sich daraus abschätzen, wie stark das Klimaschutzpotenzial in den kommenden Jahren wächst. Die grafische Darstellung dieser Entwicklung hilft dabei, die eigene Wirkung in eine Form zu übersetzen, die sich sowohl für interne Entscheidungen als auch für den Austausch mit Investierenden eignet:

Abbildung: Beispielhafter Output des GHG & Impact Estimator am Fall BetterSOL. Dargestellt ist das ermittelte Klimaschutzpotenzial für die Jahre 2025 bis 2029. Quelle: Green Startup Report 2025.
Unterstützung bei der Abschätzung und Plausibilisierung der Wirkungen
Der GHG & Impact Estimator ist so aufgebaut, dass er anwendungsfreundlich und weitgehend selbsterklärend genutzt werden kann. Gerade wenn sich Startups erstmals mit der Quantifizierung ihrer eigenen Wirkung auseinandersetzen, oder ihre Annahmen und Ergebnisse plausibilisieren wollen, kann zusätzliche Unterstützung sehr hilfreich sein. Dafür bieten wir Startups aktuell im Rahmen des vom BMWE geförderten Projekts Train4Impact kostenfreie 1:1 Coachings und Workshops an.